Wer waren die Gebrüder Grimm wirklich?

Die Brüder Grimm

Wenn Du an die Brüder Grimm denkst, denkst Du wahrscheinlich an zwei freundliche alte Männer mit Bart, die irgendwann im 19. Jahrhundert Märchen aufgeschrieben haben. Vielleicht erinnerst Du Dich vage an Hanau, an die Märchenstraße, an irgendeine Statue mit Buch in der Hand.

Das ist alles richtig. Aber es ist ungefähr ein Prozent ihrer Geschichte.

Die Wahrheit über die Grimms ist seltsamer, intimer und am Ende auch trauriger als das Bild, das in den meisten Köpfen hängt. Es ist die Geschichte zweier Brüder, die sich versprachen, sich nie zu trennen — und dieses Versprechen ein ganzes Leben lang gehalten haben. Bis es den einen ohne den anderen gab. Und der, der übrigblieb, vier Jahre lang allein an einer Aufgabe weiterarbeitete, die ihn am Ende mehr ausgehöhlt hat, als er es zugegeben hätte.

Lass mich Dich da mal auf eines kleine Reise in die Geschichte mitnehmen.


Zwei Brüder, ein Versprechen

Jacob Grimm wurde am 4. Januar 1785 in Hanau geboren. Wilhelm folgte ihm gut ein Jahr später, am 24. Februar 1786. Sie waren die ältesten von neun Geschwistern — sechs überlebten das Säuglingsalter.

Schon in der Kindheit waren sie unzertrennlich. Als 1796 der Vater an einer Lungenentzündung starb, rückten die beiden Brüder noch enger zusammen. Mit 11 und 10 Jahren waren sie plötzlich die ältesten Männer im Haus.

1805 schrieb Jacob, gerade 20 Jahre alt, einen Satz an Wilhelm, der den Rest ihres Lebens bestimmen sollte:

„Wir wollen uns einmal nie trennen, und gesetzt, man wollte einen anderswohin tun, so müsste der andere gleich aufsagen. Wir sind nun diese Gemeinschaft so gewohnt, dass mich schon das Vereinzeln zum Tode betrüben könnte.“

Das ist kein höflicher Brüderbrief. Das ist ein Schwur.

Und sie haben ihn gehalten. Ein Leben lang. Selbst als Wilhelm 1825 Dortchen Wild heiratete, zog Jacob nicht aus — er blieb im selben Haushalt wohnen. Drei Erwachsene, später Kinder dazu, und Jacob mittendrin. Ein Zeitgenosse beschrieb die Situation einmal so, dass man hätte meinen können, die Kinder seien gemeinsamer Besitz beider Brüder. Diese Lebensgemeinschaft hielt 34 Jahre — bis zum Tod.


Jura sollten sie studieren

Eigentlich war für die Brüder ein nüchterner Berufsweg vorgesehen: Jura, an der Universität Marburg. Genau das, was der Vater gewollt hatte.

Aber dann passierte etwas, was niemand geplant hatte. In Marburg trafen sie auf einen Professor namens Friedrich Carl von Savigny, der sie in seinen Kreis aufnahm und ihnen die Romantik öffnete — Clemens Brentano, Achim und Bettina von Arnim, der ganze literarische Untergrund einer Zeit, in der „deutsche Sprache“ und „deutsche Volkstradition“ plötzlich zu politisch aufgeladenen Themen wurden.

Napoleons Truppen waren überall. Das Heilige Römische Reich war 1806 zusammengebrochen. Wer in dieser Zeit anfing, alte deutsche Geschichten und Lieder zu sammeln, tat das nicht aus Folklore-Romantik, sondern weil etwas verschwand, das man bewahren wollte, bevor es zu spät war.

Jacob und Wilhelm fingen 1806 an zu sammeln. Erst Lieder, dann Mythen, dann das, wofür sie heute weltberühmt sind.


Die Märchen — und der erste Flop

Am 20. Dezember 1812 erschien Band 1 der „Kinder- und Hausmärchen“ in Berlin. Bei der Realschulbuchhandlung. 86 Märchen, gesammelt von den Brüdern Grimm.

Was die meisten nicht wissen: Es war ein Flop.

Zeitgenossen beschwerten sich, die Sprache sei zu rau, die Geschichten zu grausam, das Buch insgesamt nicht für Kinder geeignet (was, ehrlich gesagt, stimmte — wenn Du den anderen Beitrag hier im Blog gelesen hast, weißt Du warum). Die Reaktionen waren so verhalten, dass Brentano, der die Brüder ursprünglich zur Sammlung ermuntert hatte, das Interesse verlor.

Die Grimms reagierten auf die Kritik nicht trotzig, sondern bereinigten. Mit jeder weiteren Auflage wurden die Märchen zahmer, kindgerechter, christlicher. Was wir heute als „Grimms Märchen“ kennen, ist meist schon die siebte Auflage von 1857 — fast vierzig Jahre Bearbeitung später. Wilhelm war derjenige, der diese Bearbeitungen Auflage für Auflage übernahm, mit zunehmend feinerer Hand. Jacob war an den späteren Auflagen kaum noch beteiligt — der hatte längst andere Schlachten zu schlagen.

Heute sind die Märchen das meistübersetzte deutsche Werk überhaupt. Damals hat es sich kaum verkauft.


Die „Göttinger Sieben“ — als die Brüder in Ungnade fielen

1837 saßen die Brüder als Professoren in Göttingen, im Königreich Hannover. Wilhelm war außerordentlicher Professor, Jacob ordentlicher.

Dann hob König Ernst August von Hannover am 1. November 1837 die Verfassung des Landes auf — einfach so, per Dekret.

Jacob, Wilhelm und fünf weitere Professoren protestierten öffentlich. Sie verloren ihre Stellen am 11. Dezember 1837. Jacob wurde zusätzlich des Landes verwiesen — er musste binnen drei Tagen die Grenze überschreiten.

Diese sieben Professoren gingen in die Geschichte als „Göttinger Sieben“ ein. Heute steht dafür ein Denkmal vor dem niedersächsischen Landtag in Hannover. Damals war es ein Skandal, der die deutschsprachige Öffentlichkeit spaltete.

Drei Jahre lebten die Brüder anschließend in Kassel — ohne Anstellung, ohne festes Einkommen, von Freunden und Mäzenen unterstützt. Bettina von Arnim, Alexander von Humboldt und Savigny setzten sich für sie ein. Erst als 1840 der neue preußische König Friedrich Wilhelm IV. den Thron bestieg, gab es einen Ausweg: Berufung an die Berliner Akademie der Wissenschaften, dazu eine Pension aus der Privatkasse des Königs.

Die Grimms zogen 1841 nach Berlin. Sie sollten es nie wieder verlassen.


Berlin, Linkstraße 7

Ab 1847 wohnten die Brüder mit Wilhelms Familie in der Linkstraße 7, gleich am damaligen Potsdamer Bahnhof. Heute steht das Haus nicht mehr — die Linkstraße liegt mitten in dem Areal, das im 20. Jahrhundert mehrfach umgekrempelt wurde, vom Krieg, vom geteilten Berlin, schließlich vom Potsdamer-Platz-Neubau der 90er.

In dieser Wohnung war fast jeden Tag Gesellschaft. Bettina von Arnim kam vorbei, andere Akademiemitglieder, Schriftsteller, Studenten. Im Sommer reisten die Brüder gemeinsam — Italien, Skandinavien, Wien.

Und sie arbeiteten. An einem Projekt, das ihre Märchensammlung in den Schatten stellen sollte und an dem sie schließlich beide zerbrechen würden.


Das Wörterbuch — ein Lebenswerk, das beide aufzehrte

1838 hatten die Brüder mit dem Verlag Weidmann einen Vertrag geschlossen über ein Projekt, das sie für überschaubar hielten: Ein Wörterbuch der deutschen Sprache. Vom Mittelalter bis Goethe. Sechs, vielleicht sieben Bände. Maximal zehn Jahre Arbeit.

Sie hatten sich bösartig verschätzt.

Jacob übernahm die Buchstaben A, B, C und später E, F. Wilhelm bearbeitete den Buchstaben D. Was sie planten, war kein Wörterbuch wie jedes andere — sie wollten zu jedem Wort die komplette Geschichte aufrollen, mit Quellenbelegen aus Hunderten von Büchern, mit Bedeutungsentwicklungen über Jahrhunderte. Auch Schimpfwörter. Auch derbe Bezeichnungen für Geschlechtsteile. Vollständigkeit war das Ziel.

Die erste Lieferung erschien 1852. Der erste Band 1854. Da hatten sie die ersten 14 Jahre schon hinter sich — und waren noch nicht beim Buchstaben C.

Wilhelm vollendete gerade noch das D, als ihm die Kraft ausging.


Wilhelms Tod, 1859

Wilhelm war zeitlebens nicht der Robusteste. Schon als junger Mann litt er an Asthma und einer Herzerkrankung — daran, sich um eine feste Anstellung zu bewerben, hatte ihn das jahrelang gehindert.

Am 16. Dezember 1859 erlitt Wilhelm Grimm in der Linkstraße 7 einen Schlaganfall. Er war 73 Jahre alt.

Jacob hielt vor der Berliner Akademie der Wissenschaften die Gedenkrede auf seinen Bruder. Das handschriftliche Manuskript dieser Rede liegt heute im Nachlass der Staatsbibliothek zu Berlin. Zeitgenossen, die sie hörten, beschrieben sie als eine der berührendsten Reden, die jemals an dem Ort gehalten wurde.

Was darin nicht stand, aber jeder im Saal wusste: Jacob hatte 54 Jahre zuvor seinem Bruder geschrieben, dass das Vereinzeln ihn „zum Tode betrüben könnte“.

Jetzt war er vereinzelt.


Vier Jahre allein

Was macht ein Mensch, der sein halbes Leben mit einem anderen Menschen unter einem Dach, an einem Tisch, an einem Werk gearbeitet hat — wenn dieser Mensch plötzlich nicht mehr da ist?

Im Fall Jacob Grimms: Er arbeitet einfach weiter.

Vier Jahre lang, von Dezember 1859 bis September 1863, saß Jacob in der Linkstraße 7 und arbeitete am Wörterbuch. Er war 74, dann 75, dann 76, dann 78. Er hatte den Buchstaben E abgeschlossen und arbeitete sich durch das F. Er war nicht der einzige Mitarbeiter — andere Germanisten hatten sich angeschlossen — aber er war die treibende Kraft, der letzte der beiden Brüder, der Anfang gemacht hatte.

Was in Jacob in diesen vier Jahren vorging, wissen wir nur bruchstückhaft. Er reiste weniger, er empfing weniger Gäste. Er arbeitete.

Am 20. September 1863 starb Jacob Grimm in Berlin. Er war 78 Jahre alt. Auf seinem Schreibtisch lag der unvollendete Eintrag, an dem er zuletzt gearbeitet hatte — das Wort, das er nicht mehr abschließen würde.

Das Wort war „Frucht“.

Er ist über diesem Eintrag gestorben.


Was als Vermächtnis der Brüder Grimm bleibt

Das Wörterbuch wurde nach Jacobs Tod von anderen weitergeführt. Es brauchte 123 Jahre insgesamt, bis es 1961 fertig war — drei deutsche Staaten, zwei Weltkriege und drei Generationen von Germanisten später. 32 Bände. Über 300.000 Stichwörter. 84 Kilo schwer.

Die Brüder liegen heute nebeneinander auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin-Schöneberg. Ehrengräber des Landes Berlin. Daneben die Gräber von Wilhelms Söhnen Herman und Rudolf. Die Asche von Wilhelms Tochter Auguste wurde 1919 in einer Urne im Grab ihres Vaters beigesetzt.

Vier Generationen Grimm liegen auf wenigen Quadratmetern beieinander. Auch das passt zu der Familie.


Was, wenn da mehr war?

Hier hört die belegte Geschichte auf. Was bleibt, ist eine Frage.

Wenn Du in den letzten vier Jahren Deines Lebens jeden Tag in einer Wohnung sitzt, in der Dein Bruder einmal mit Dir gesessen hat, und an einem Wörterbuch arbeitest, das ihn am Ende mit getötet hat — was passiert dann mit Dir?

Was, wenn Jacob in diesen Jahren nicht nur trauerte? Wenn er nicht nur ein Wörterbuch schrieb? Und die Albträume, die ihn vielleicht heimsuchten, mehr waren als nur Trauer? Was, wenn Jacob in seinen letzten Nächten Dinge aufschrieb, die nie ein Verleger gesehen hat? Geschichten, die seine eigenen Märchen für Kinder als das entlarvt hätten, was sie waren — eine bereinigte, kindgerechte, gefährliche Lüge?

Was, wenn jemand dieses Manuskript heute, im Jahr 2026, in einem alten Antiquariat findet? Ein Buch das böses in sich trägt und in Deinen Kopf eindringt.

Wir wissen es nicht.
Oder vielleicht doch.

Das vb30 Halloween-Haus in Boostedt hat sich im Jahr 2026 das Thema „Grimms Albtraum“ gegeben und zeigt Euch mutigen Seelen, wie ihr aus dem Horror der nächtlichen Gruselträume vom Märchen wieder erwacht.

Die Story zur Saison 2026 ansehen →


Quellen u.a.: Wilhelm Schoof, Heinz Rölleke, Steffen Martus „Die Brüder Grimm. Eine Biografie“ (2009), Staatsbibliothek zu Berlin (Nachlass Grimm), Humboldt-Universität zu Berlin (Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum), Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (DWB-Projekt). Jacob-Zitat „Wir wollen uns einmal nie trennen…“ aus Brief an Wilhelm vom 12. Juli 1805.

Wir haben News, die garantiert zum Gruseln sind.

Schaurig schön und niemals Spam!